Ach, ich weiß, … ich habe im vergangenen Artikel eine Bombe platzen lassen.
Es ist nicht schön, über Kindesmisshandlung zu lesen. Dennoch sind es Dinge, die unentwegt passieren, und vielfach bleiben sie unentdeckt, wie zuerst bei mir.
Es ist wichtig zu verstehen, wie so etwas geschehen kann. Durch zuerst scheinbar harmlose Einflüsse passierte etwas Schreckliches.
In mir hatte es zudem die Auswirkungen einer Persönlichkeitsspaltung. Es ist ein Schutzmechanismus, falls so etwas erneut passiert.
Das funktioniert nicht bewusst und ich konnte es auch nicht steuern. Die Seele wurde zerrissen und die Instinkte sagen: „Wenn solch eine Situation erneut passieren sollte, trenne ich das ALLTAGS-ICH von dem ICH, das die schreckliche Tat durchlebt, damit ich weiterlebe.“
Das Misshandelte-ICH reagiert nämlich anders als das Alltags-ICH. Es hat gelernt: „Wenn ich mich wehre, dann wird es schlimmer. Somit lasse ich es über mich ergehen und bleibe am Leben.“
Daher waren auch beide Erinnerungen gelogen: die an den Kuss des Jungen und die von dem Fahrradkeller. Denn es war so, dass ich mich beim ersten Mal zur Wehr gesetzt habe, und es hatte die Konsequenz, dass ich eingesperrt, festgehalten und misshandelt wurde. Daher die Schlussfolgerung meines sechsjährigen Ichs: „Wehre dich nicht, so machst du es nur schlimmer.“
Das erscheint zwar für einen Erwachsenen unlogisch, da es immer auf die jeweilige Situation ankommt, auch für mich, wenn ich jetzt zurückblicke.
Doch nicht für ein Kind, das die eigene Persönlichkeit noch entwickelt.
Diese Abspaltung hatte für mich noch verheerende Folgen, da das Alltags-ICH keinerlei Informationen vom Misshandelten-ICH bekommen hat. Sind noch einmal ähnliche Situationen aufgetreten, entstand ein Wechsel der Persönlichkeit, den ich nicht kontrollieren konnte, und mein Alltags-ICH wurde ausgesperrt von allen Informationen.
Wie eine Mauer in meinem Kopf. Selbst jetzt habe ich noch keinen kompletten Zugriff auf alle Erinnerungen.
Das klingt wie in einem Horrorfilm oder Psychothriller.
Für mich hat diese Erkenntnis meine ganze Vergangenheit auf den Kopf gestellt. Das zu verarbeiten… Da bin ich noch dran, aber ich beginne es zu akzeptieren und zu vergeben.
Diese eine Persönlichkeitsspaltung hatte wiederum die Tür für weitere geöffnet. Es ist gar nicht so leicht zu erklären. Ich spaltete mein ICH in Situationen ab, in denen mein Alltags-ICH nicht hineingepasst hat, in Charaktere, die diese Situation besser bewältigen konnten.
Das geschah so fließend, dass es niemand bemerkte, nicht einmal ich selbst.
Ich korrigiere: Mein Mann hat es bemerkt, aber konnte es nicht verstehen.
Und ich konnte es ihm nicht erklären, da ich es nicht bemerkte. Das gab damals einige Konflikte, bei denen er zu mir sagte: „Warum hast du das gemacht?“, „Warum hast du das gesagt?“ Und ich war nicht im Bilde darüber, wovon er redete, obwohl es gerade erst passiert war. Häufig fragte mein Mann mich, warum ich mich verstelle, wenn wir unter anderen Menschen sind, und ich sehe da mein Gesicht bildlich vor Augen, wie ich ihn verblüfft anstarre: „Wie verändere ich mich denn? Ich bin so!“
Es kam in diesen Situationen immer wieder zu fließenden Persönlichkeitswechseln.
Viel zu krass, oder?
Immer wieder denke ich: „Das ist doch unmöglich!“
Doch es erklärt sehr viel. Gerade auch, warum ich mich an so viele Dinge nicht erinnere: Zum Beispiel warum ich mich als Teenager umbringen wollte, aber es nicht tat, weil ich mir nicht erklären konnte, woher dieser Schmerz in mir kam.
Denn der Schmerz war da. Er blieb. Die Persönlichkeiten können zwar erlebte Informationen vom Alltags-ICH abschirmen, aber der ganze Schmerz und das Leiden in mir blieben, nur ich verstand sie nicht.
So konnte ich meinen Alltag und mein Leben bewältigen und ein augenscheinlich gutes Leben führen, doch etwas in mir war leer und zerstört.
Ich versuchte, die Leere zu füllen mit allem, was die Welt zu bieten hat. Alles, wovon die Welt sagt, danach geht es dir besser, habe ich ausprobiert.
Ich hatte einen guten Job, gutes Geld, eine hübsche Wohnung, einen tollen Mann, ich habe studiert, viel gefeiert und viel Frust ersäuft, viele Dinge gekauft, die das Leben scheinbar besser machen, mehrmals im Jahr Urlaub gemacht, das soll ja erholen, Massagen zur Entspannung, Maniküre und Friseur, da fühlt man sich danach direkt wohler in der eigenen Haut … Ich habe geheiratet mit einem tollen Fest und Kinder bekommen, schlussendlich sind wir sogar auf einen anderen Kontinent gezogen…
Doch nichts von alledem hat die Leere gefüllt.
Nichts.
Ich verstand sie nicht einmal. Ich konnte nicht verstehen, wie ich doch alles habe, aber mein Inneres schreit! Es schreit nach Erlösung, denn mein Herz blutete und nichts konnte die Blutung stillen.
Nichts!
Und dann kam Jesus in mein Leben. Er veränderte alles!
Ich hatte in vorangegangenen Artikeln erzählt, wie wir zur ersten Gemeinde kamen und ich Gott endlich sah.
Da hat alles begonnen zu heilen.
Doch bevor etwas richtig geheilt werden kann, muss alles aufgedeckt werden, der Dreck aus der Wunde gespült werden, die Ursache behandelt werden, und dann kann erst die Wunde wieder verschlossen werden.
Und so etwas schafft doch kein Mensch aufzudecken!
Egal wie gut der Psychologe oder Therapeut ist. Das ist eine krass, harte Nuss.
Aber Gott hat es geschafft. Denn nur er kennt unser Herz, er weiß alles über uns. Er hat jede Träne gesehen und jeden Schmerz gefühlt, und er hat nur auf den richtigen Moment gewartet, an dem ich bereit bin, mich komplett in seine Arme fallen zu lassen.
Gott ist gut.
Ich erzähle euch gerne, wie er das alles gemacht hat, in den folgenden Artikeln.


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